Chris­tina Wild­­grube 314 x, die Sied­­lung Dessau-Törten

Fr, 29. November 2019 um 17:00 Uhr
29.November - 8.Dezember 2019
Freitag/Sonnabend/Sonntag und Freitag/Sonnabend/Sonntag 14-17.00 Uhr

Im kunstRaum22, Askanischestr. 22, Dessau
Askanische Straße 22, 06842 Dessau
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Die Grafi­ke­rin Chris­tina Wild­grube, in Luther­stadt Witten­berg gebo­ren, arbei­tete nach ihrem Studium in Berlin, Chicago und Amster­dam u. a. für das Staats­thea­ter Braun­schweig. Im Septem­ber 2018 schloss sie ihr Meis­ter­schü­ler-Studium an der Hoch­schule für Grafik und Buch­kunst Leip­zig mit der Arbeit LAND SETZEN / 11 Druck­gra­fi­ken im Hand­satz ab.

Die hier vorge­stellte Arbeit „314 x“ entstand während ihrer Künst­ler­re­si­denz am Goethe-Insti­tut in Chicago 2017 anläss­lich des Auss­tel­lungs­for­mats „A little piece of Bauhaus“. „314 x“ bezieht sich auf die voll­stän­dige Anzahl der von Walter Gropius entwor­fe­nen Einfa­mi­li­en­häu­ser in Dessau-Törten. Gezeigt werden die bauli­chen Verän­de­run­gen der Sied­lung seit ihrer Fertig­stel­lung 1928 bis heute und deren Inter­pre­ta­tion in einer visu­el­len Bestands­auf­nahme. Zwischen 1926 und 1928 wurde im Auftrag der Stadt Dessau und unter Leitung von Walter Gropius die erste indus­tri­elle Reihen­haus­sied­lung Deutsch­lands errich­tet. Die Sied­lung umfasst insge­samt 314 Einfa­mi­li­en­häu­ser; wobei jedes Haus zum dama­li­gen Zeit­punkt über eine Wohn­flä­che von 57 – 76 m2 und eine 350 – 400 m2 große Garten­flä­che verfügte. Die Wohn­flä­che und Fassa­den­ge­stal­tung vari­ierte zwischen den Haus­ty­pen I, I.2, II und IV. Die Gestal­tung und Bauaus­füh­rung folgte konse­quent neuen Ansät­zen und Aspek­ten wie der Selbst­ver­sor­gung, finan­zi­el­len Erschwing­lich­keit, dem ratio­na­li­sier­ten Bauen und der Verwen­dung inno­va­ti­ver Bauma­te­ria­lien. Die Einheit­lich­keit der Sied­lung verschwand in den folgen­den 60 Jahren mehr und mehr und so das sich jedes Haus zu einem Unikat entwi­ckelte. Vorder­fassade, Rück­fassade, Garten und Vorgar­ten veran­schau­li­chen die Über­for­mung gebau­ter Geschichte. Nicht Gropius allein, sondern mindes­tens 314 weitere ‚Archi­tek­ten‘ bzw. Haus­ei­gen­tü­mer präg­ten die Sied­lung. Jedes Gebäude steht stell­ver­tre­tend dafür, wie sich eine Idee und die Wirk­lich­keit immer weiter vonein­an­der entfern­ten.

1994 trat eine Erhal­tungs- und Gestal­tungs­sat­zung in Kraft, die darauf abzielt, bauli­che Verän­de­run­gen mit der histo­ri­schen Substanz des Orts­bil­des in Einklang zu brin­gen. Bestands­schutz oder Rück­bau brin­gen damit die Besit­zer erneut in die Situa­tion, bauli­che Anpas­sun­gen zu erhal­ten oder vorzu­neh­men. Eine beson­dere Stel­lung nehmen hier die der Stadt gehö­ren­den – aber nicht von ihr gepfleg­ten – Vorgär­ten ein, die viel­mehr, fernab jeder Gestal­tungs­sat­zung, von den Bewoh­nern liebe­voll mit Blumen, Büschen und Stei­nen heraus­ge­putzt werden.

Während der Künst­ler­re­si­denz am Goethe-Insti­tut erar­bei­tete und vermit­telte Chris­tina Wild­grube anhand von eige­nem mitge­brach­tem „work in progress“ Foto- und Video­ma­te­rial eine visu­elle Bestands­auf­nahme der Sied­lung und gewann dadurch Einblick in umfas­sende bauli­che Verän­de­run­gen der Eigen­tü­mer. Entstan­den sind eine Mobil-Video­ar­beit „Road-Trip Törten“, ein Polaroid-Kalen­der „Eve­r­y­day a new Facade“ für die Dauer meines Aufent­hal­tes am Goethe Insti­tut und eine ca. 2,5 × 4 m große Foto­col­lage im Empfangs­be­reich des Insti­tuts als visu­elle Essenz aus „Many Gardens and Faca­des“ der Sied­lung.