Inken Hemsen – graphische Blätter

Fr, 13. Februar 2009 um 17:00 Uhr
14.Februar - 22.März 2009
Dienstag-Sonntag 11-17.00 Uhr

Orangerie der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau, Puschkinallee 100
Puschkinallee 100, Dessau
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Die Gästebuch-Einträge in der Orangerie der Anhaltischen Gemäldegalerie bezeugen Verunsicherung: Während einige Besucher angesichts von Inken Hemsens Ausstellung „Wasser wandeln Wiesen” ihre Begeisterung kund tun, sprechen andere von „Entsetzen” und bedauern den Anhaltischen Kunstverein als Ausrichter. Tatsächlich ist das, was den Besucher in der großen, lichten Halle erwartet, auf den ersten Blick spartanisch und spröde: Auf den Stellwänden und in den Fenstern sind grafische Blätter großzügig verteilt, dazwischen bleibt viel Freiraum für das Auge. Wenn man sich aber an die Stille gewöhnt hat, beginnen die Arbeiten zu wispern. Eben dies ist die Intention der 1970 in Hamburg geborenen Inken Hemsen: Für ihre Arbeiten, die sie selbst als „subjektive Kartografie und Landschaftswahrnehmung” beschreibt, recherchiert sie seit mehreren Jahren in deutschen und englischen Landschaftsgärten. Dabei hat sie eine Technik der Mitschrift von Naturphänomenen entwickelt, die zwischen präziser Beobachtung und poetischer Überhöhung changiert. Was sie nun in Dessau zeigt, verdankt sich ihren Aufenthalten im anhaltischen Gartenreich der Aufklärung – und holt so die unmittelbare Umgebung des Georgiums in die Orangerie. Das ist einerseits natürlich die passende Füllung für einen Raum, in dem ursprünglich exotische Pflanzen überwinterten und der nun als Speicher für Erinnerungen an den Sommer dient. Zugleich aber ist es eine Einladung, Inken Hemsens Destillate der Gartenreich-Reisen mit eigenen Sinnes-Eindrücken zu ergänzen und aufzufüllen. Anknüpfungspunkte dafür bieten die Notate zuhauf. Denn neben den Fährten und Flugbahnen der Tiere, neben flüchtigen Wolkenzeichnungen und Wasserbewegungen bieten die Blätter oft handschriftliche Notizen als Fingerzeig: Von Lerche und Storch, Pirol und Milan geht hier ebenso die Rede wie von den Unken und den Bibern, die Grenzen zwischen der lakonischen Notiz und dem lyrischen Bild zerfließen. „Sind Fische drinne ja, das ist gut” fragt sich die Künstlerin im Selbstgespräch über ihrer Arbeit, „Algen strömen aus Wolken hervor” bemerkt sie in einer Verschmelzung von Himmel und Erde. Da Inken Hemsen ihre Partituren des Zufalls mit konkreten Orts- und Zeitangaben fixiert, um den Verdacht der bloßen Erfindung zu zerstreuen, liegt der Gedanke des seriellen Arbeitens nahe: „Durchfahrten” nennt sie die Blätter, die das gleiche Terrain in verschiedener Richtung und Stunde vermessen – und dabei in die dritte Dimension drängen, die der Grafikerin eine zusätzliche Ausdrucksebene bietet. Mit Drahtgeflecht greift sie hier aus der Fläche in den Raum, die Geraden, Spiralen und Knäuel können als Zeichensystem für visuelle wie akustische Reize gelesen werden. Solche fragilen Karten, die jeden Atlas sprengen, sind von besonderem grafischen Reiz. Die dritte Technik, in die Inken Hemsen ihre gefühlte Geografie übersetzt, ist das Fotogramm – eine Methode, die per se einen höheren Grad der Abstraktion einfordert. Hier liegt ein grafisches Gespinst über dem bis zur Unkenntlichkeit belichteten Motiv, das in seiner Gesamtheit als Bildträger dient. Als Gegenstück dazu firmieren Kästen, in denen geschichtete Papierschnipsel und Drahtkonstruktionen die mikroskopischen Schnitte der Anatomen assoziieren – und die im durchscheinenden Tageslicht zusätzliche Tiefe gewinnen. Es ist tatsächlich eine ungewöhnliche, gerade durch ihre Kontemplation verstörende Schau, die der Anhaltische Kunstverein hier ausgerichtet hat. Inken Hemsen liefert Konturen und leise Verweise, die der Betrachter selbst auflösen muss. Dass sie sich damit vor Ort gleichwohl in einer großen Tradition bewegt, die von den Elbeichen des Carl Wilhelm Kolbe bis zu den Vorkurs-Arbeiten der Bauhäusler reicht, wird dem aufmerksamen Betrachter nicht entgehen. Die Bilder locken ins Offene – in ein lebendiges Biotop, das hoffentlich noch während der Schau aus seinem Winterschlaf erwachen wird. Ausstellung bis zum 21. März, Di-So 10-17 Uhr; „Tea-Time” mit der Künstlerin am 20. und 21. März, jeweils 15 Uhr VON ANDREAS HILLGER MZ